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Die ausgedachte Brunnengeschichte

 

Wie die Bräunlinger Narrenzunft zu einem Narrenschiff kommt!
Der Bräunlinger Narrenbrunnen erzählt die Geschichte vom Ursprungsmythos der Bräunlinger Narren, er erzählt, wie die Narren nach Bräunlingen in ihr Domizil in der Blaumeerstraße gekommen sind. Diese Geschichte lautet folgendermaßen: Die Narren, die später die Bräunlinger Narren werden sollten, sitzen wie es die Narren so tun, in ihrem Narrenschiff und treiben auf dem Meer des Lebens.
Das Schiff haben sie selber gebaut, so gut sie es als Narren können. Sie haben es mit den Materialien gebaut, mit denen sie sich normalerweise abgeben - leider lauter Dinge, die im täglichen Leben zwar Erfolg bringen, ihren Mann nähren, die jedoch nur sehr bedingt zum Schiffsbau taugen. Steuerruder, Segelmast, Anker - alles Dinge die man zum Navigieren eines Schiffes in den rettenden Hafen brauchen würde haben sie sowieso vergessen. Die Narren treiben also auf dem Meer des Lebens und lassen es sich gut gehen. Die See wird aber rauher, sie werden umgeworfen - der Sturm muss streng aus Osten geblasen haben, sie werden wohl an Hüfingen vorbeigetrieben worden sein, den Brändbach entlang der Buchhalde - sie werden in die Mündung des
Blaumeers gedrückt. Es muss sehr unruhig gewesen sein, denn plötzlich haben die Narren die Gefahr doch noch gesehen, haben noch - vergeblich versucht, einen notdürftigen Rettungs-Anker zu werfen... schon sind sie aber in nächster Nähe einer bedrohlichen Klippe, und - wie es die Bestimmung des Narrenschiffs ist - sie werden auf diesen Felsen geworfen, scheinen dem sicheren Untergang geweiht zu sein!
Aber nein... Es müssten nicht die zukünftigen Bräunlinger Narren sein - sie erkennen das Rettende in der Gefahr - wissen einen Ausweg. Kurzentschlossen entledigen sie sich all ihres Balastes an Narrenwerkzeugen und Attributen und klettern behend über Schiff und Klippe in das dahinterliegende Gebäude - in dem sie sich bald wohl fühlen - und - seit dieser Zeit sitzen. Das liegengebliebene Schiff aber, in das - im Zeichen der verkehrten Welt nicht das Wasser hinein, sondern aus dem heraus das Wasser in das Blaumeer fließt, gibt seither Zeugnis, wer hoch darüber residiert, wer zu den Bräunlinger Narren gehört und wer die Narretei in Bräunlingen ausübt.
Das Narrenschiffmotiv des Brunnens überträgt den Narrenschiffgedanken des oberrheinischen Humanisten Sebastian Brant aus dem 15. Jahrhundert nach Bräunlingen und führt in weiter bis an das bittere Ende des Schiffbruchs an der Klippe des Zunfthauses. Es stellt die traditionsreiche Bräunlinger Fasnacht bildlich in den Kontex des großen Narrengedankens, in dem sie die Wurzeln hat. Das Schiff, das gleichzeitig auch Fahrzeug und Tier ist, fragt nach dem Wesen des Narren, danach was einen Narren ausmacht.
Er verweist auf das Domizil der Narren und auf die herausragende Besonderheit der Bräunlinger Schauspiel- und Straßenfasnet. Als Symbol für die Gemeinschaft der Narrenzunft "Eintracht" Bräunlingen zeigt das Schiff mit den zurückgelassenen Utensilien gleichzeitig die Vielfalt der Zunft auf. Die Verwendung der für einen Schiffsbau untauglichen Materialien, mit denen die Narren aber erfolgreich das Jahr über arbeiteten, verweist auf die Uneindeutigkeit des Narrenbegriffs, auf die Brüche und Paradigmentwechsel.
Narren werden getrieben von der Zeit und von der Jagd nach dem Glück. Das Antriebselement, die Räder, widmen sich diesem Motiv, ohne als Räder tatsächlich zu taugen. Narren treiben in Ihrer Hast blind dem jähen Ende entgegen und sie sehen nicht die Kurzlebigkeit und Unzuverlässigkeit des Glücks.
Das Narrenschiff liegt nun gestrandet am Zunfthaus in der Blaumeerstraße, wo das Wasser verdrehterweise aus dem Schiff herausläuft und das Bächlein in der bildlich angelegten Blaumeerstraße speist.

Das gestrandete Narrenschiff aber, ein Bild des Unglücks und Untergangs, wird - ganz im Sinne der Hinführung von der Sünde zum Heil im Zusammenhang mit der Fasnacht im christlichen Weltbild - zum positiven Lebenssymbol des Brunnens, zum Bild einer aktiven, lebensbejahenden Gruppe in einem dynamischen Gemeinwesen.

 

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